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Reaktionen im Umfeld des Betroffenen: Die Co-Alkoholiker
Freunde, Familienmitglieder, Bekannte, Kollegen / Kameraden und Vorgesetzte entwickeln zu einer alkoholabhängigen Person oft ein ganz besonderes Verhältnis. Oft entsteht daraus eine eher problematische Verknüpfung zwischen den Verhaltensweisen des Alkoholabhängigen und den Personen seiner unmittelbaren Umgebung. Diese Verbundenheit wird in der Fachsprache "Co-Alkoholismus" genannt. Wer ist ein Co-Alkoholiker bzw. ein Co-Abhängiger und was bedeutet das für den täglichen Dienstbetrieb?
Die Co-Alkoholiker / Co-Abhängigen
Definition: Co-abhängig ist die Person, die den Abhängigen durch ihr Verhalten davor schützt, die ganze Wirkung seines Alkoholkonsums und die damit verbundenen Konsequenzen in vollem Umfang zu erfahren.
Zu den Co-Abhängigen sind alle diejenigen Personen innerhalb und außerhalb eines Betriebes zu rechnen (z.B. Ehepartner, Hausarzt), die dem Betroffenen einen großen Teil seiner Eigenverantwortlichkeit abnehmen.
Auf der betrieblichen Ebene können dies sein: Betriebsarzt/Truppenarzt, Personalchef / Disziplinarvorgesetzter / Kompaniefeldwebel / Zug- und Gruppenführer, Betriebsrat / Personalrat / ggf. Vertrauenspersonen, Sozialarbeiter, Militärpfarrer und natürlich die Kollegen / Kameraden; auf der außerbetrieblichen Ebene z.B. der Ehepartner / Lebensgefährte, aber auch "trockene" Alkoholiker (Letztere können allerdings auch Kollegen/Kameraden sein).
Durch diese schrittweise Übernahme von Verantwortung z.B. bei Entscheidungen des täglichen Lebens entsteht eine zusätzliche Abhängigkeit des Alkoholkranken vom sog. Co-Alkoholiker. Oft werden dann diese wiederum zur Zielscheibe von Schuldzuweisungen seitens des Alkoholkranken. Gleichzeitig liefern sie ihm zusätzlich noch Gründe, vermehrt zu trinken. Dieses Verhalten ist deshalb suchtfördernd, weil der Betroffene sich als nicht voll genommen fühlt. Er steigert sich in ein trotziges "Kinder-Ich-Verhalten", das ihm ebenfalls wieder Rechtfertigung und Entschuldigung bietet, weiterhin Alkohol zu konsumieren.
Der Alkoholabhängige / Alkoholkranke gibt sich niemals selbst die Schuld an seinem Zustand. Stattdessen koppelt er sein Suchtverhalten an das Verhalten seiner Bezugspersonen, die ihm oft die Verantwortung für sein Handeln abnimmt, und zieht diese somit in den Teufelskreis seiner Sucht hinein. Die unmittelbaren Bezugspersonen laufen Gefahr, abhängig vom Abhängigen zu werden. Genauso wie der Alkoholiker abhängig vom Alkohol ist, besteht eine Abhängigkeit des Alkoholkranken von dem Co-Abhängigen und umgekehrt.
Die Phasen der Co-Abhängigkeit
Bei der therapeutischen Arbeit mit Abhängigkeitserkrankten hat man festgestellt, dass diese oft drei typische Phasen durchlaufen:
1. die Beschützer- oder Erklärungsphase
2. die Kontrollphase
3. die Anklagephase
Beschützer - oder Erklärungsphase
In dieser Phase beobachten wir, wie Vorgesetzte sowie Mitarbeiter / Kameraden das auffällige Verhalten eines Alkoholabhängigen entschuldigen und Erklärungen für sein Fehlverhalten suchen.
Hierbei sind die Co-Abhängigen bereit, den Betroffenen vor unangenehmen Folgen seiner Abhängigkeit zu schützen und ihn zu decken. Sie schaffen ihm gewissermaßen einen Schonraum. Eine notwendige Konfrontation des Betroffenen durch seinen Vorgesetzten mit seinem tatsächlichen Arbeitsverhalten wird dadurch vermieden und einem Harmoniebedürfnis geopfert.
Nach einer geraumen Zeit - wenn das Verhalten des Abhängigen nicht mehr zu übersehen und zu ertragen ist - kommt es in der Regel zu einem Gespräch mit dem Vorgesetzten. Nach anfänglichem Bagatellisieren und "Abwimmeln" verspricht der Betroffene Besserung und wird oft sogar kurzzeitig abstinent. Allerdings wird er meist wieder rückfällig.
Kontrollphase
Dies führt uns zur nächsten Phase - der Kontrollphase. Auflagen und Kontrollen sollen nun das Verhalten des Betroffenen beeinflussen und reglementieren. Jeglicher Konsum von Alkohol wird tabuisiert.
Ehemals feuchtfröhliche Trinksituationen, wie z.B. Betriebsferien, gehören auf einmal der Vergangenheit an, genauso wie die Weinprobe beim Betriebsausflug.
Der Vorgesetzte sowie seine Mitarbeiter/Kameraden verbringen einen großen Zeit- und Energieanteil darauf, den Abhängigen "trocken" zu halten, wobei der Vorgesetzte hierbei oft eine große eigene Mitverantwortung dafür übernimmt. Der Betroffene jedoch projiziert sein Suchtverhalten auf das Verhalten seiner Bezugspersonen. Er reagiert mit einem vermehrten, z.T. heimlichen Alkoholkonsum.
Noch mehr Kontrollen sind die Folgen. Immer mehr in die Enge getrieben, entwickelt er Schuldgefühle, zieht sich zurück. Schließlich wird er kurzfristig wieder abstinent und abermals erfolgt ein Rückfall.
Anklagephase
Lange angestaute Wut und unterdrückter Ärger brechen nun über den Abhängigen herein. Oft wird der Betroffene in der Anklagephase sogar für das schlechte Betriebsklima im gesamten Betrieb verantwortlich gemacht und somit zum Sündenbock für alle im Unternehmen aufgetauchten Schwierigkeiten. Möglicherweise wird ihm sogar gekündigt.
Der Alkoholiker gerät mehr und mehr in die Defensive und verpflichtet sich erneut zur Abstinenz. Für wie lange? Vielleicht für 2 Monate, ein halbes Jahr oder noch länger. Aber oft - weil wirklich professionelle Hilfe nicht in Anspruch genommen wurde - fängt er wieder an zu trinken, am Anfang kaum merklich, vielleicht ein geduldetes ersten Gläschen beim Betriebsfest. Dies wird akzeptiert, da jeder gerne glauben will, dass der Betroffene seinen Konsum unter Kontrolle hat und Abstinenzler den Mitarbeitern nicht so richtig "geheuer" sind.
So fängt die Beschützer- und Erklärungsphase des Co-Alkoholismus wieder an. Der Teufelskreis der Sucht kann wieder beginnen, denn: Wie sich der Co-Abhängige auch verhält - ob er schützt, erklärt, kontrolliert, anklagt -, er liefert dem Alkoholiker die besten Gründe dafür, nicht mit dem Trinken aufzuhören.
Was ist also zu tun?
Im Umgang mit Alkoholikern sollten Vorgesetzte zusammenfassend folgende Punkte unbedingt beachten:
- Decken Sie keinen Abhängigen!
- Entschuldigen Sie kein Fehlverhalten!
- Gleichen Sie vom Abhängigen gemachte Fehler nicht aus!
- Schicken Sie angetrunkene Mitarbeiter unverzüglich nach Hause
Der grundlegende Fehler im Umgang mit Alkoholikern ist es, ein klärendes Gespräch aufzuschieben oder gar das Verhalten zu decken.
Aber auch wenn das Gespräch stattfindet, werden häufig folgende Fehler gemacht:
- das Gespräch wird ungenügend vorbereitet,
- es werden keine Abmachungen getroffen,
- Versprechungen des Mitarbeiters werden nicht ausreichend kontrolliert.
Der konstruktiven Mitarbeitergesprächsführung haben wir daher auf der CD "Suchtprävention in der Bundeswehr" ein eigenes Kapitel gewidmet. -
Eine Möglichkeit, einen Weg aus dem Teufelskreis der gegenseitigen Abhängigkeit zu finden, ist die Entwicklung eines betrieblichen Hilfsprogramms. Es bietet Arbeitskollegen und Vorgesetzten eine wichtige Unterstützung und Hilfe in Form von klar formulierten Handlungsanleitungen. Betriebliche Hilfsprogramme stehen und fallen mit der konsequenten Wahrnehmung der Führungsqualitäten und Fürsorgepflicht des Managements und der Akzeptanz im Betriebsrat und in der Belegschaft.
Für die Bundeswehr könnte im militärischen Bereich über die Einrichtung eines kommunikativen Netzwerkes am Standort (Disziplinarvorgesetzter, Truppenarzt, Sozialarbeiter, Militärpfarrer, Personalrat / Vertrauensperson) ein solches Hilfsprogramm entwickelt werden. Auch die Soldatenselbsthilfe gegen Sucht könnte hier einbezogen werden. In den Bereichen der Verwaltung o.ä. könnten - wie in zivilen Betrieben - Betriebsvereinbarungen eine Problemlösung bedeuten.
Quelle:
- Schritt für Schritt - Ein Interventionskonzept zum Thema Alkohol am Arbeitsplatz (BZgA- Apr 2000)
- Substanzbezogene Störungen am Arbeitsplatz - Eine Praxishilfe für Personalverantwortliche (DHS)
- Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit - Führung durch Gespräche
- Basisinformation Alkohol (DHS)
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